Die Gabe von Folsäure als Nahrungsergänzung verbessert bei älteren Menschen mit dokumentiertem Folsäuremangel die kognitiven Leistungen. Dies geht aus den jetzt im Lancet (2007; 369: 208-16) publizierten Ergebnissen einer randomisierten kontrollierten Studie hervor. Sie wirft die Frage auf, ob eine Anreicherung von Nahrungsmitteln wie in den USA oder Kanada sinnvoll wäre. Die Editorialisten fordern weitere Studien.
In den USA wird seit 1988 dem Mehl Folsäure zugesetzt. Da fast alle Menschen Mehlspeisen zu sich nehmen, ist der Anteil der Menschen mit einem Folsäuremangel von 26 Prozent auf unter ein Prozent zurückgegangen. Auch die Rate der Neuralrohrdefekte bei Neugeborenen, deretwegen die Folsäure-Anreicherung eingeführt wurde, ist rückläufig (um etwa ein Viertel nach einem Bericht in MMWR 2004; 53: 362-5). Dennoch ist bislang kein europäisches Land dem nordamerikanischen Beispiel gefolgt. Auch in Deutschland ist die Idee nicht populär, obwohl beispielsweise Experten des Robert-Koch-Instituts sie positiv bewerten. Zurzeit wird nur Schwangeren oder Frauen mit Kinderwunsch dazu geraten, das „Schwangerschaftsvitamin“ Folsäure einzunehmen.
Jetzt gibt es ein weiteres Argument für eine Mehlanreicherung mit Folsäure: In der Folic Acid and Carotid Intima-media Thickness oder FACIT-Studie waren 818 Männer und Frauen im Alter von 50 bis 70 über 3 Jahre mit Folsäure (800 Mikrogramm pro Tag) oder Placebo behandelt worden. Eingeschlossen waren Probanden mit erhöhten Homocystein-Konzentrationen im Blut, was ein Marker für niedrige Folsäurespiegel ist. Homocystein ist auch ein Marker für die Atherosklerose.
Das primäre Ziel der FACIT-Studie war, den Einfluss von Folsäure auf die Atherosklerose an den Karotiden zu untersuchen. Die zerebrale Atherosklerose ist aber ein Risikofaktor für Demenzerkrankungen, weshalb die Gruppe um Jane Durga von der Universität Wageningen in den Niederlanden untersuchte, ob die Einnahme von Folsäure sich auf die kognitive Funktionen auswirkt. Durga ist beim Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne beschäftigt, dem Sponsor der Studie.
Ein Abfall kognitiver Leistungen im Alter wird gewöhnlich mit der Mini-Mental-State Examination gemessen. Dieses Instrument erwies sich allerdings in früheren Studien als nicht geeignet, um eine positive Wirkung der Folsäure-Supplementierung zu belegen. Eine Negativstudie wurde erst im letzten Jahr publiziert (McMahon et al NEJM 2006; 354: 2764-2772). Dort zeigte sich auch in einer Reihe weiterer Tests nach 2 Jahren kein Vorteil. In der FACIT-Studie wurden hingegen signifikante bessere Leistungen in der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und im Gedächtnis gefunden.
Ob die günstigeren Ergebnisse durch die Verwendung anderer, vielleicht genauerer Messinstrumente zustande kamen, dürfte Gegenstand von Diskussionen unter den Fachleuten sein. Deren Ergebnis wird zeigen, ob die Idee der Folsäure-Anreicherung neue Unterstützung erfährt. Die Editorialisten Martha Clara Morris und Christine Tangney von der Rush Universität in Chicago bleiben zurückhaltend. Sie fordern eine weitere Studie, in der die Patienten gezielter nach ihrem Folsäuremangel und nicht dem Substitut Homocysteinaemie ausgewählt werden sollten. Interessant wären sicherlich auch Studien an Personen mit erhöhtem Demenzrisiko, etwa Personen mit milder kognitiver Einschränkung (MCI mild cognitive impairment), einem Frühstadium des Morbus Alzheimer
Pressemitteilung Lancet: http://www.thelancet.de/artikel/862779
Abstract der Studie (nach kostenloser Registrierung): http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140673607601093/abstract